Ein Holz-Mann beißt sich weltweit durch
Karlheinz Hess agiert unermüdlich in Wäldern
und Gärten
Von Eva M. Lüft (Main-Echo Aschaffenburg)
Angefangen hat alles mit der Zapfenpflückerei. Was
im Odenwald zunächst als Notarbeit galt und bis in
den 30-jährigen Krieg zurück reicht, nutzte
der Kirchzeller Rudolf Hess, um 1965 einen Zapfenpflücker-Betrieb
zu gründen. Auch Sohn Karlheinz Hess hat schon früh
in dem Unternehmen des Vaters mitgeholfen. »Im Laufe
der Zeit mussten wir aber feststellen, dass es immer weniger
Aufträge gibt«, erinnert sich Karlheinz Hess.
Statt Nachpflanzung nun mehr Naturverjüngung
Zurückzuführen sei dies hauptsächlich
darauf gewesen, dass der Fichte regelrecht der »Garaus«
gemacht worden sei. Der schnell wachsende Baum war einst
eine gute Einnahmequelle. Doch die Tendenz im Forst, statt
auf Nachpflanzung nun mehr auf Naturverjüngung zu
setzen, habe dazu geführt, dass auf einmal mehr Edel-Laubholzarten
wie Ahorn, Esche und Kirsche angepflanzt worden seien.
Vor allem in den 90er Jahren hat sich diese Entwicklung
laut Karlheinz Hess immer mehr durchgesetzt.
Windwurf 1990 setzt Zapfenpflückerei ein Ende
Der von allen Forstleuten gefürchtete Windwurf hat
wohl aber 1990 den »Tod« der Zapfenpflückerei
eingeläutet. Damit kam schließlich auch die
Flaute auf den Hess'schen Betrieb zu. Eine Umorientierung
war erforderlich. Vom Zapfenpflücken alleine
war das Unternehmen nicht mehr aufrecht zu erhalten. Nützlich
waren Rudolf Hess damals vor allem seine Kontakte, die
er während seiner Hochzeiten im Zapfenpflücken
zu den Staatlichen Forstämtern und zur Forstbranche
ganz allgemein geknüpft
hatte. So war er dort kein Unbekannter mehr und es gelang
ihm schließlich sogar, mit seiner Firma mehr und
mehr in die Forstwirtschaft hineinzuwachsen.
Fällen, Rückearbeiten, Schälen und Transportieren
der Hölzer waren jetzt die Hauptaufgaben, die es
zu erledigen galt.
Forstservice (Holzhandel), Forstwirtschaft und Gartenbau
sind inzwischen die drei Standbeine, die sich Karlheinz
Hess in Kirchzell geschaffen hat. Der mittlerweile 78
Jahre alte Senior Rudolf Hess steht ihm dabei immer noch
gerne mit Rat und Tat zur Seite und führt so manch
wichtige Verhandlungsgespräche mit großem Geschick.
Forstlicher Vollernter: Der Harvester
Harvester ist die gebräuchliche Bezeichnung
für einen forstlichen Vollernter. Wegen der
hohen Lohnnebenkosten ist der Einsatz dieser teuren
Maschinen in Deutschland betriebswirtschaftlich
oft vorteilhafter als motormanuelle Arbeit. 20 Waldarbeiter
sind damit ersetzbar. Bei der Aufarbeitung von Sturmholz
reduziert der Einsatz dieser Maschinen die Unfallgefahr
erheblich. Diese Großmaschinen sind in der
Lage, die gefährlichen Spannungen der Bäume
zu lösen. Auch bei Borkenkäfer-Befall
ist der Einsatz eines Harvesters sinnvoll, da es
dann erforderlich ist, insgesamt großflächig
abzuholzen. |
Rohholz-Lieferant als Zwischenhändler
Mit dem Forstservice erzielt Karlheinz Hess knapp 90
Prozent seines gesamten Firmenumsatzes. Er liefert in
diesem Bereich zum Beispiel Rohholz als Zwischenhändler
an Sägewerke: »Ich nehme deren Bestände
auf, weiß, was sie brauchen, ergänze dann die
Lagerhaltung und kann ganz kurzfristig reagieren.«
Kleinere Sägewerke bräuchten zum Beispiel entrindetes
Holz. Dafür habe er entsprechende Maschinen abrufbar.
Hess legt Wert darauf, dass auch der jeweilige Eigentümer
diese fachgerecht bedient. Er besitzt keine dieser teuren
Geräte, sondern vermittelt sie nur.
Karlheinz Hess will die Entwicklung vorantreiben. »Demnächst
wird es einen engeren Zusammenschluss mit den Kommunen
geben«, ist der Juniorchef ein wenig stolz. Breuberg,
Bürgstadt und Eichenbühl »sitzen«
schon bald mit im Hess'schen Boot.
Ergeben habe sich diese neue Partnerschaft durch Hess'
neue Form der Waldbewirtschaftung in Großheubach
– unterfrankenweit ein Modellprojekt. Hess hat dort
die Bewirtschaftung als Forstdienstleister übernommen
und zahlt dafür der Gemeinde eine Pacht. Zehn Jahre
lang wird er sich nun mit seinen Angestellten um alle
im dortigen Wald anstehenden Arbeiten kümmern. Modernste
Technik und Forstexperten werden ihm dabei zur Seite stehen.
Doch mit Breuberg, Bürgstadt und Eichenbühl
sind vorerst nur »zarte« Kooperationsbande
geplant. So soll vor allem hier verstärkt der Harvester,
ein forstlicher Vollernter, zum Einsatz kommen. »Es
handelt sich vielmehr um einen lockeren Zusammenschluss
nach schwedischem Vorbild«, betont Karlheinz Hess.
Es gebe allerdings bereits Vorgespräche mit weiteren
Kommunen.
Zunächst will er sich jedoch intensiv dem Modellprojekt
Großheubach widmen. Wenn sich das alles, was er
hier plant, tatsächlich realisieren lässt, will
er weitere Projekte angehen. »Ich will am Beispiel
Großheubachs beweisen, dass man aus der Arbeit im
Wald auch Kapital schlagen kann; ich habe mir ein Gewinn-Minimum
von fünf Prozent gesetzt. Auf jeden Fall will ich
zeigen, dass dieses Modell lebensfähig ist«,
erklärt der Kirchzeller. Dennoch: Im kommenden Winter
schon will er anfangen, Eichenbühl seinen »Stempel«
aufzudrücken. Dann nämlich sollen die dortigen
zwei Waldarbeiter und der Förster ihr
Tätigkeitsfeld auch auf andere Reviere ausdehnen.
»Die Personalpolitik der Kommunen muss eine andere
werden«, so Karlheinz Hess. Ganz wichtig ist dem
44-Jährigen, für seine Projekte Sponsoren zu
gewinnen.Für Großheubach ist er schon fündig
geworden: Dort werden sich ein großes Unternehmen
und ein privater Investor an der Finanzierung eines ein
Kilometer langen
Waldlehrpfads rund um den Engelberg sowie um die Wiederherstellung
und Erhaltung des so genannten Saustalls kümmern.
Der Lehrpfad soll bis Weihnachten fertig geplant sein.
Rollstuhlgerecht und für Kinderwagen geeignet sind
für Karlheinz Hess
dabei zwei besonders wichtige Kriterien.
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Der Kirchzeller
Forstbetrieb von Karlheinz Hess ist weltweit gefragt
und oft mit Spezialfahrzeugen im Einsatz. Ob Hebebühne
(oben links), Harvester (Vollernter) oder auch Forwarder
(Rückezug): Die Arbeit des 44-Jährigen
und seines sorgfältig geschulten Personals
ist nicht immer ganz ungefährlich. |
Extravagante Gartenanlagen
mit speziell ausgetüftelten Beleuchtungssystemen
sollen sich laut Karlheinz Hess künftig auch
weniger Betuchte leisten können. Er hat sich
eigens ein Konzept dafür ausgedacht, das er
schon bald umsetzen will. |
Auch im Gartenbau will Hess neue Wege gehen. Der gelernte
Kaufmann, der gerne Architektur studiert hätte, lebt
seine Liebe zur Gestaltung in diesem Bereich so richtig
aus. Hier hat er eine ganz pfiffige Idee entwikkelt: »Wenn
junge Paare ein Haus gebaut haben, bleibt zum Schluss
gerade mal noch Geld für die Einrichtung der Küche
übrig, für die Anlage eines Gartens reicht es
meist nicht mehr«, weiß Hess aus Erfahrung.
Um dem abzuhelfen, will er künftig seine Dienstleistungen
separat anbieten. Die Bauherren sollen die Möglichkeit
haben, die Firma Hess zum Beispiel nur mit der Planung
des Gartens
zu beauftragen und den Rest selbst zu übernehmen.
Oder aber die Gartenbauabteilung kümmert sich ausschließlich
um die Bauleitplanung (das Personal stellt der Bauherr,
also einer der Hess'schen Vorarbeiter ist dabei, gearbeitet
wird auch samstags). Die dritte Möglichkeit: Die
Kirchzeller liefern nur das Material, also die Baustoffe,
Pflanzen und Beleuchtung.
Schließlich gibt es noch eine letzte Variante: Hess
stellt alle Spezialfahrzeue sowie Fahrzeuge mit und ohne
Bedienung zur Verfügung. »So wird es dann auch
für den weniger betuchten Bauherrn erschwinglich
sein, seinen Garten schön zu gestalten«, ist
Karlheinz Hess überzeugt.
Die richtigen Leute am richtigen Platz
Verbesserungen in der Forstwirtschaft sind laut Hess
kaum mehr möglich: »Was hier noch zu verbessern
wäre, ist minimal«, sagt er. Das A und O sei,
Fachleute, vor allem aber die richtigen Leute am richtigen
Platz einzusetzen.
Insgesamt möchte er noch mehr Holz als bisher verkaufen.
Den Handel betreibt er derzeit mit China, Indien und Korea.
Diese Länder bräuchten überwiegend Bau-
und Möbelholz. Ein untrügliches Zeichen dafür,
dass die dortige Wirtschaft boome. Weitere Kunden sind
neben einigen Gemeinden und privaten Forstverwaltungen
kleine und mittelständische Sägewerke (Hess:
»Große sind
zu unpersönlich.«). Im Gartenbau-Bereich liegt
der Schwerpunkt auf der Pflege (zum Beispiel bei Firmen
wie »Ziemann und Bauer«, den Odenwaldfaserplattenwerken
»OWA« in Amorbach oder der Firma »Rauch«
in Freudenberg). Den Forstservice hat
er auf den gesamten süddeutschen Raum ausgedehnt,
arbeitet aber hauptsächlich im Schwarzwald.
Als nicht ganz ausgereift und daher noch ausbaufähig
betrachtet Hess seine Holzbörse im Internet. Damit
will er künftig noch mehr Holz gezielter als bisher
vermarkten. Sein erster Versuch damit ist gescheitert:
»Wir hatten das Ganze weltweit geplant;
jeder Interessent sollte die Möglichkeit haben, Holz,
ohne es zu sehen, über unsere Homepage zu jeder Zeit
zu bestellen. Doch das alles hat sehr viel Zeit und Geld
gekostet«, erklärt er. Aufgegeben hat der Kirchzeller
aber deshalb noch lange nicht. Mit einer passenden Rahmensoftware
sei dies schon bald möglich. Der 44-Jährige
hat noch viele Ideen. Das Meiste ist noch nicht spruch-,
respektive druckreif. Einiges aber formiert sich schon
wieder in den Hirnwindungen des Unternehmers mit ausgeprägtem
Hang zum Perfektionismus.
Vorbild Schweden
Heutzutage kommen in der Forstwirtschaft hochmoderne
Techniken zum Einsatz. Um den Absatz zu steigern,
hat sich der natürliche Kreislauf den wirtschaftlichen
Bedürfnissen angepasst. In Südschweden
zum Beispiel werden im ökologischen Waldbau
riesige Forstmaschinen genutzt. Die sechsbeinigen
Fahrzeuge krabbeln wie überdimensionale Insekten
durch den Wald – ohne das Niederholz zu schädigen.
In Südschweden gibt es die Unternehmensgruppe
»Södra«, die aus 35 000 Waldbesitzern
besteht. Die Mitglieder haben nach einem Orkan seit
Januar dieses Jahres ungefähr 43 Millionen
Festmeter Holz verloren. Über 75 Millionen
Festmeter liegen am Boden.
Die dort jetzt eingesetzten Erntemaschinen haben
allerdings nichts mehr mit Holzfäller-Romantik
zu tun. Mit Bordcomputer und Sensoren rodet ein
derartiges Maschinen-Monster in zwei Tagen eine
Fläche von sechs Fußballfeldern. Inzwischen
ist das Unternehmen einer der größten
und modernsten Holz- und Zellstoffproduzenten Europas.
Was hier betrieben wird, ist nachhaltige Forstwirtschaft.
Nur 70 Prozent des jährlich zur Schlagreife
nachwachsenden Baumbestands werden auch gefällt.
»Södra« lebt quasi von den Zinsen
und nicht vom Kapital. Täglich sind die Erntemaschinen
per E-Mail erreichbar. Die Sägewerke sind je
nach Bedarf in der Lage, Länge und Durchmesser
der benötigten Baumstämme direkt an den
Bordcomputer im Wald weiterzuleiten. Es werden immer
genau die Bäume gefällt, die zur Weiterverarbeitung
benötigt werden – ökologische Forstwirtschaft.
Karlheinz Hess aus Kirchzell arbeitet bis Jahresende
über einen Werkvertrag für diese Unternehmensgruppe.
Somit erhält er einen hilfreichen Einblick
in die Waldbewirtschaftungs- und Holzhandelsstrukturen
Schwedens, die für ihn in seinem Kirchzeller
Unternehmen wiederum hilfreich sind.
Die technisch perfektionierte Arbeit der schwedischen
Unternehmensgruppe »Södra« fasziniert
Karlheinz Hess sehr. Dort werden inzwischen nur
noch genau die Bäume gefällt, die zur
Weiterverarbeitung nötig sind. Die Organisation
des Ganzen steht und fällt mit dem Einsatz
von Computern. |
(Der Artikel wurde veröffentlicht in der Sonderausgabe
des Main-Echos zur Michaelismesse Miltenberg (26. August
bis 4. September 2005)
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